Allgemeine Gesundheitsrisiken
Leicht unwillig lauschte schon mancher den Warnungen seines Hausarztes: „Ein erhöhter Bauchumfang steigert Ihr Infarktrisiko ebenso wie ein hoher Blutzucker, veränderte Blutfette oder Bluthochdruck.“ Es fallen Begriffe wie metabolisches Syndrom, Lipide, inneres Bauchfett oder Hypertonie. Doch kaum ein Betroffener weiß, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt. Prof. Dr. M. Blüher, Leipzig, stand mensch+gesundheit Rede und Antwort.
Interview mit Prof. Dr. M. Blüher
Thema "Gesundheitliche Risikofaktoren
Mensch + Gesundheit: Was verbirgt sich hinter dem Begriff kardiometabolische Risikofaktoren?
Prof. Dr. Blüher: Als sogenannte „kardiometabolische Risikofaktoren“ gelten Fettleibigkeit, Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und ihre Vorstufen, Fettstoffwechselstörungen, ein erhöhter Blutdruck (Hypertonie) und das Rauchen. Jeder dieser Faktoren für sich allein erhöht das Risiko für Arterienverkalkung, damit für Herzerkrankungen, Beingefäßerkrankungen („Schaufensterkrankheit“) und/oder Schlaganfall. Treten zwei dieser Risikofaktoren gleichzeitig mit einer Fettleibigkeit auf, spricht man vom metabolischen Syndrom. In diesem Fall besteht eine nochmals deutlich höhere Gefahr, im Laufe des Lebens eine Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankung zu entwickeln. Daher werden Fettleibigkeit, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck auch kardiometabolische Risikofaktoren genannt.
Mensch + Gesundheit: Fett ist nicht gleich Fett. Was heißt das?
Prof. Dr. Blüher: Wie bereits erwähnt, spielt Fettleibigkeit eine bedeutende Rolle bei der Definition des metabolischen Syndroms und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Entscheidender als das Ausmaß des Übergewichtes ist allerdings die Fettverteilung. Vor allem das bauchbetonte männliche Fettverteilungsmuster, die „Apfelform“, geht mit übermäßigen Fettablagerungen an den inneren Organen einher und ist mit einem erhöhten Risiko für Gefäßerkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Die weibliche hüftbetonte Fettverteilung, die „Birnenform“, scheint eher schützend zu sein.
Mensch + Gesundheit: Warum hat gerade der Bauchumfang eine so besondere Bedeutung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Prof. Dr. Blüher: Der Bauchumfang ist deshalb so wichtig, weil man mit seiner Hilfe Rückschlüsse auf die bauchbetonte „Hochrisiko“-Fettverteilung ziehen kann. Er ist eine gute Messmethode des gefährlichen inneren Bauchfetts, dem Eingeweidefett. Zuviel davon wirkt ungünstig auf den Fett- und Kohlenhydrat-Stoffwechsel.
Mensch + Gesundheit: Wie kann man inneres Bauchfett messen?
Prof. Dr. Blüher: Das innere Bauchfett lässt sich recht gut über die Messung des Bauchumfangs abschätzen.
Mensch + Gesundheit: Wie groß darf mein Bauchumfang sein, und ab wann sollte ich zum Arzt gehen?
Prof. Dr. Blüher: Der Bauchumfang sollte bei Frauen 88 cm und bei Männern 102 cm nicht überschreiten. Mit diesen Werten ist bereits die Grundvoraussetzung für das metabolische Syndrom erfüllt.
Mensch + Gesundheit: Was bedeutet ein hoher Blutzuckerspiegel für die Gesundheit?
Prof. Dr. Blüher: Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker führt unbehandelt zu einer Verkürzung der Lebenserwartung. Er schädigt die Blutgefäße und ist damit eine Gefahr für das Herz, aber auch für Nieren, Nerven, Augen und zahlreiche andere Organe.
Mensch + Gesundheit : … Und veränderte Blutfette (Lipide)?
Prof. Dr. Blüher: Fettstoffwechselstörungen – vor allem hohes LDL-Cholesterin, aber auch niedriges HDL-Cholesterin (< 50 mg/dl bei Frauen beziehungsweise < 40 mg/dl bei Männern) und erhöhte Triglyzeride (> 150 mg/dl) – sind wichtige kardiovaskuläre Risikofaktoren und erhöhen das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.
Mensch + Gesundheit: Welche Rolle spielt Bluthochdruck?
Prof. Dr. Blüher: Ein Blutdruck ab 130/85 mmHg (in Ruhe) ist ein weiterer Risikofaktor, der die Wahrscheinlichkeit für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöht.
Mensch + Gesundheit: Was kann ich selber tun, um meine Risikofaktoren zu verringern?
Prof. Dr. Blüher: Zunächst sollte man die Risikofaktoren kennen und sie regelmäßig beim Arzt kontrollieren lassen. Die meisten dieser Parameter lassen sich durch einen gesunden Lebensstil verbessern. Darunter versteht man regelmäßige und intensive körperliche Bewegung, eine leicht energie- und fettreduzierte Kost sowie das Verzichten aufs Rauchen. Das A und O ist die Verringerung des Bauchumfangs. Bereits eine Gewichtsabnahme um 5 bis 10 % und eine entsprechende Verringerung des Bauchumfangs reduzieren das innere Bauchfett um rund 30 %. Damit sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen und Diabetes mellitus erheblich.
Mensch + Gesundheit: Wenn Sport und Ernährungsumstellung nicht geholfen haben – was kann ich tun?
Prof. Dr. Blüher: Die Praxis zeigt, dass zahlreiche übergewichtige Patienten eine konsequente Umstellung ihres Lebensstils nicht realisieren können. Oder sie reicht nicht aus, um die ausschlaggebenden Risikofaktoren zu beeinflussen. In diesen Fällen können Medikamente helfen, das kardiometabolische Risiko weiter zu senken. Die gewünschte Gewichtsreduktion kann allerdings auch aufgrund einer Überfunktion des Endocannabinoidsystems, das eine wichtige Rolle bei der Regulation von Körpergewicht und Stoffwechsel spielt, misslingen. Gegen diese Fehlfunktion kann der behandelnde Arzt Medikamente verschreiben, allerdings nur bei sehr dicken Menschen und nur aus medizinischen, nicht aus kosmetischen Gründen.
Mensch + Gesundheit: Herr Professor Blüher, vielen Dank für das Interview!


