Depressionen als Krankheit
„Mir wird einfach alles zuviel! Am liebsten möchte ich mich unter der Bettdecke verkriechen und einen ganzen Tag nicht wieder hervorkommen.“ Gelegentliche Stimmungstiefs hat wohl jeder schon einmal erlebt. Sie sind eine ganz normale Reaktion auf ein trauriges Ereignis. Nicht jeder Zustand einer vorübergehenden Betrübtheit sollte deshalb als Ausbruch einer psychischen Erkrankung interpretiert werden.
Treten diese Stimmungsschwankungen aber über einen langen Zeitraum und sehr intensiv auf, sollte ärztliche Hilfe beansprucht werden. Depressive Störungen werden Prognosen zufolge im Jahr 2020 zu den häufigsten und kostenintensivsten Erkrankungen gehören. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass es heute bereits weltweit zirka 340 Millionen Betroffene gibt, allein in Deutschland etwa vier Millionen. Über die Hälfte der Depressionen hierzulande bleiben allerdings unerkannt und folglich unbehandelt. Dies liegt vor allem an den vielen Gesichtern der Erkrankung. Viele der Betroffenen schämen sich, mit dem Arzt über ihre tiefe Niedergeschlagenheit und über ihren Verlust an Lebensfreude zu reden – aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, und aus Angst, sich lächerlich zu machen.
Depressionen eine psychische Belastung
Krankheit mit vielen Gesichtern „Seit Wochen fühlte ich mich niedergeschlagen und kraftlos. Morgens fiel es mir furchtbar schwer aufzustehen, abends konnte ich nicht früh genug ins Bett kommen. Ich nahm zwölf Kilo ab, hatte Konzentrationsschwierigkeiten, Schweißausbrüche, war abwechselnd aggressiv und todtraurig. Dabei schämte ich mich für meinen Zustand und fühlte mich als völliger Versager. Ich konnte nicht mehr schlafen und war mit den Nerven am Ende.“ Die Betroffenen leiden überwiegend unter seelischen, manchmal auch körperlichen Beschwerden, jedoch ohne organischen Befund. Dabei kann sich die Erkrankung in ausgeprägter Schwermut äußern, die Angehörige und Arzt sofort an eine Depression denken lässt. Aber das muss nicht so sein.
Depressive Niedergeschlagenheit: Mögliche Beschwerden
Ständige Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Willenlosigkeit können ebenso auf eine Depression hinweisen wie innere Unruhe, zielloser Beschäftigungsdrang, Panikattacken, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Versagensängste, Minderwertigkeits- und massive Schuldgefühle. Oft sind die Betroffenen unfähig, etwas zu genießen, Freude oder Trauer zu empfinden oder Gefühle mitzuteilen. Eine wachsende Zahl von Depressionen zeigt sich sogar versteckt mit körperlichen Beschwerden, wie Ein- und Durchschlafproblemen, Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen, Zittern und Herzflattern sowie Verlust oder Nachlassen der Libido. Früher wurden viele dieser Betroffenen nach ergebnislosen Untersuchungen sogar als „eingebildete Kranke“ (Hypochonder) abgestempelt.
Therapie und Hilfe gegen Depressionen
Ähnlich wie das facettenreiche Beschwerdebild sind die biologischen Ursachen einer Depression vielfältig und komplex. Wissenschaftler sind sich einig, dass der Erkrankung neben Vererbung, individueller Persönlichkeit und ungewöhnlichen Belastungssituationen ein biochemisches Ungleichgewicht der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin zugrunde liegt. Diese Substanzen sind im Gehirn maßgeblich an der Signalweiterleitung von einer Nervenzelle zur anderen beteiligt. Wenn der Informationsfluss nicht mehr funktioniert, schlägt sich dies in Gefühlen und Gedanken nieder und kann zu fehlendem Antrieb, zu Appetit- sowie Schlaflosigkeit führen.
Medikamentöse Therapie
Darüber hinaus kann sich ein körperliches Unwohlsein einstellen, da beide Botenstoffe auch an der Weiterleitung von Schmerzreizen beteiligt sind. Die Depression ist zwar eine Herausforderung für den Arzt, aber sie ist ebenso heilbar wie andere Krankheiten. Zur medikamentösen Therapie stehen über 20 verschiedene Medikamente zur Verfügung. Auch den Menschen, die unter anhaltenden Symptomen der Erkrankung leiden oder bereits Rückfälle erlitten haben, bietet der Wirkstoff Venlafaxin eine Erfolg versprechende Behandlungsoption.
Antidepressiva und Gesprächstherapie
Moderne Antidepressiva machen nicht süchtig und sind keine Stimmungsaufheller oder Aufputschmittel, die vorhandene Probleme im Nichts verschwinden lassen. Stattdessen sind sie in der Lage, das der Depression zugrunde liegende Ungleichgewicht der Botenstoffe zu regulieren und so den intakten Informationsfluss im Gehirn wieder herzustellen. Antidepressiva haben die Aufgabe, die Krankheitssymptome unter Kontrolle zu bringen und damit die Basis für eine effektive Gesprächstherapie zu schaffen.
In der Therapie lernt der Betroffene, seine sozialen Fähigkeiten zu verbessern, mehr Aktivitäten zu entwickeln und negative Denkmuster abzulegen. Tipps und Unterstützung erhält er in Selbsthilfegruppen. Auch die Telefonseelsorge und die Sozialdienste psychiatrischer Kliniken bieten psychologische Hilfe an. Eine schnell eingeleitete und kontinuierliche Therapie, auch bei leichten Formen, ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Nur so kann der Patient seine Lebensfreude rasch und dauerhaft zurückerlangen.


