Erfahrungsbericht einer Krebspatientin

Radioimmuntherapie bei Lymphknotenkrebs

Radioimmuntherapie bei Lymphknotenkrebs
Neue Forschungen in der Krebstherapie

Dass sie seit über zwei Jahren Krebs hat, merkt man der 46-jährigen Hamburgerin nicht an. Von ihrer Diagnose „Lymphom“ hat sich die lebenslustige Frau nie unterkriegen lassen. Aus Überzeugung entschied sie sich damals gegen die belastende Chemotherapie. Auf ihrer Suche nach Alternativen stieß sie auf ein neues Krebsmedikament.

 

Therapiemöglichkeiten bei Krebs

Ein auf Lymphome maßgeschneiderter Antikörper (Ibritumomab) ist mit einer radioaktiven Substanz (Yttrium-90) beladen und transportiert sie zu den Krebszellen, damit diese den Strahlentod sterben. Dieser sogenannten „Radioimmuntherapie“ verdankt sie, dass ihr Lymphknotenkrebs binnen zwölf Wochen zu 90 % zurückging.

Diagnose Krebs

Sylvie H. begab sich wegen eines Druckgefühls und leichter Schmerzen auf der rechten Bauchseite in Behandlung. Die Ärzte tippten auf eine Eierstockzyste. Aber Hamburger Krankenhausärzte entdeckten im Ultraschall eine Zusammenballung geschwollener Lymphknoten. Die Mediziner wollten eine Chemotherapie einleiten, obwohl keinem so ganz klar war, woran ihre Patientin litt. „Sie haben Tuberkulose, Leukämie oder Lymphknotenkrebs“, hieß es. Schockiert verließ Sylvie H. die Klinik.

Ein Krebsarzt ihres Vertrauens, der Hamburger Hämatologe und Onkologe Dr. K. Becker, veranlasste zunächst eine Gewebeprobe. Die Diagnose: ein follikuläres Non-Hodgkin-Lymphom. Das bedeutete tatsächlich Krebs, aber zum Glück keine aggressive Form, sondern eine geringgradig bösartige, langsam wachsende Variante. Auch befand sich der Krebs in einem frühen Stadium und hatte keine Organe befallen. Becker setzte daher auf eine abwartende Strategie bei regelmäßiger Kontrolle des Tumorwachstums: „Solange die Krankheit keine Beschwerden verursacht, braucht man nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“

Chemotherapie

Das Thema Chemotherapie war erst einmal vom Tisch. Trotzdem blieb sie am Ball, recherchierte im Internet nach möglichen Therapien – für den Fall der Fälle. Gerade als ihr Körper zu schwächeln begann, sie beim Treppensteigen außer Atem geriet, sich Nachtschweiß und Fieber einstellten, stieß sie auf das neue Medikament. „Damals erstreckte sich das Lymphom bereits bis in meine Leisten. Ich wollte den Krebs nur noch loswerden“, erinnert sie sich an diese sorgenvolle Zeit, „aber ich wollte für die Behandlung nicht meine Lebensqualität opfern, vor allem wollte ich weiter als Fotografin arbeiten.“ So fiel ihre Wahl endgültig auf die Behandlung mit dem radioaktiv markierten Antikörper.

Radioaktiv markierte Antikörper

Grundsätzlich ist eine Antikörpertherapie der Lymphome nicht neu: Geeignete Antikörper treiben die Lymphomzellen in den Selbstmord und stacheln gleichzeitig das Immunsystem gegen sie an. Der radioaktive Antikörper erreicht aber sogar die Krebszellen, an die er nicht direkt angedockt hat. Mit Hilfe der Strahlung, die er quasi im Gepäck hat, nimmt er auch benachbarte Zellen ins Visier und dringt ins Tumorinnere vor.

Leider ist diese Behandlung bislang nur für Patienten zugelassen, die nach Chemotherapie und anderen Antikörpern einen Rückfall erlitten haben. Chemotherapie aber war für Sylvie H. nach wie vor ein rotes Tuch. Entsprechend erfreut erfuhr sie von einer Studie an der Berliner Charité, bei der Patienten mit follikulärem Lymphom diese Therapie erhielten, ohne vorbehandelt gewesen zu sein. Da die Teilnahme auf über 50-jährige Krebskranke beschränkt und H. damit zu jung war, stellte der Studienleiter Prof. Dr. A. Pezzutto bei ihrer Krankenversicherung den Antrag, die Erstbehandlung als ambulante Maßnahme zu genehmigen und die Kosten dafür zu tragen. Schließlich bewilligte die Krankenkasse im August 2007 die Radioimmuntherapie „im Sinne eines individuellen Heilversuchs“.

Behandlung mit der Radioimmuntherapie

Nach zwei vorbereitenden Antikörperinfusionen bekam sie Mitte September 2007 die Therapie verabreicht. Eine Woche später waren die Lymphknoten in der Leiste abgeschwollen. „Bei der ersten Nachuntersuchung mit Ultraschall sechs Wochen nach der Behandlung war kaum noch etwas zu finden“, erinnert sich Sylvie H. Im Dezember bestätigte eine Computertomografie die Rückbildung. Nur noch zwei Lymphknoten waren vergrößert.

Erstaunlich: Bundesweit sind es erst wenige Patienten, die diese Radioimmuntherapie erhalten. Dabei ist das Ganze nicht teurer als die Chemo-Antikörper-Therapie, die sonst durchgeführt werden müsste. Offenkundig sind viele Ärzte zurückhaltend, weil die Zulassungsbehörde die Radioimmuntherapie – nach Chemotherapie, Bestrahlung und Antikörper – vorerst in die letzte Reihe verbannt.

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