Ejakulation: Vorzeitiger Samenerguss beim Mann
Wer zu früh „kommt“, erntet mitunter scherzhafte Kommentare. Die Betroffenen selbst haben meist wenig zu lachen. Denn vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox) verdirbt auf Dauer nicht nur ihnen, sondern auch den Partnerinnen den Spaß im Bett. Unfreiwillige Quickies in deutschen Betten sind keine Seltenheit. Jeder fünfte Mann kommt schneller zum Samenerguss als ihm lieb ist – Männer aller Altersgruppen und längst nicht nur die unerfahrenen.
Damit ist Ejaculatio praecox die häufigste sexuelle Funktionsstörung überhaupt. Gemeint ist hier nicht der vereinzelt auftretende, vorzeitig beendete Geschlechtsverkehr, der „im Eifer des Gefechts“ schon mal passieren kann. Vielmehr versteht man unter vorzeitigem Samenerguss die wiederholt auftretende, sehr kurze – maximal zwei Minuten dauernde – Zeitspanne zwischen Penetration (Einführen des Penis in die Scheide) und Ejakulation.
Die betroffenen Männer sind nicht in der Lage, den Zeitpunkt ihres Orgasmus zu kontrollieren. Ihr Leidensdruck wächst von Mal zu Mal und irgendwann wird jede erotische Begegnung zur Zitterpartie. Der vorzeitige Samenerguss kratzt nicht nur am Selbstbewusstsein des Mannes, die Partnerin leidet mit. Ist er schon nach längstens zwei Minuten mit dem Geschlechtsakt am Ende, kommt sie zu kurz. Nur 53 % der mitbetroffenen Frauen erleben in dieser Zeitspanne „immer“ oder „häufig“ einen Orgasmus; bei Partnerinnen von nicht Betroffenen sind dies 84 %. Doch es ist nicht nur die kurze Dauer des Liebesaktes, die den Frauen zu schaffen macht.
Sex: Vorzeitige Ejakulation
Da der Mann unfähig ist, seine Ejakulation willentlich zu steuern, kann er nicht auf die individuellen Wünsche seiner Partnerin eingehen. Der Geschlechtsverkehr richtet sich nach dem „wie lange haben wir Zeit“ und nicht nach dem „wie mögen wir es“. Individualität und Genuss bleiben auf der Strecke. Und „Geheimtipps“ zur Verlängerung des Liebesspiels, etwa die Stopp-Start-Technik, die der Unterbrechung des Geschlechtsverkehrs bedarf, erweisen sich in den zärtlichsten Momenten als nicht attraktiv.
Auf Dauer ist die Frau verzweifelt, frustriert und unzufrieden. Falsche Schuldzuweisungen an den Mann oder sich selbst belasten die Beziehung zusätzlich, nicht selten wird die Partnerschaft infrage gestellt. Um sich unnötiges Leid zu ersparen, sollten Frauen das Problem ansprechen – sachlich, sensibel und entkoppelt von einer intimen Situation. Wenn es beide als sexuelle Funktionsstörung akzeptieren und bereit sind, um ihre Beziehung zu kämpfen, sollten sie sich über Ursachen und Behandlungsoptionen informieren. Geeigneter Ansprechpartner ist der Urologe, der auf Probleme wie diese spezialisiert ist.
Probleme beim Orgasmus
Wer unter vorzeitigem Samenerguss leidet, erlebt denselben sexuellen Reaktionszyklus wie andere Männer: Verlangen, Erregung, Orgasmus mit Ejakulation und Refraktärzeit (Erholungsphase). Allerdings verläuft die Erregungskurve steiler als normal. Zudem ist die Plateauphase der Erregung verkürzt und der Point-of-no-Return (Punkt, an dem die Ejakulation nicht mehr aufzuhalten ist) schneller erreicht.
Serotonin-Behandlung bei vorzeitigem Samenerguss
Als Ursache wurden zunächst psychologische und physiologische Faktoren vermutet. Erst eine Zufallsbeobachtung bei Männern, die wegen Depression mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) behandelt wurden und über einen verzögerten Samenerguss als „Nebenwirkung“ berichteten, wies auf die Schlüsselrolle des Botenstoffes Serotonin hin. Inzwischen ist das SSRI Dapoxetin hierzulande als verschreibungspflichtiges Medikament zur Therapie des Ejaculatio praecox zugelassen – als erste medikamentöse Option überhaupt. Es kann bei Bedarf ein bis drei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr mit einem Glas Wasser eingenommen werden und die Dauer des vaginalen Sexs bis auf das Vierfache verlängern. Der Wirkstoff wird im Körper schnell abgebaut und ist im Allgemeinen gut verträglich.


